Zwickt’s mi
Von belschanov | Clubfans-United am 09.02.2010 00:31 | Keine Kommentare »
Ich stand am Tresen und ein weißer Pudel mit einer roten Schleife im Haar schnüffelte an meinen Schuhen herum und ich erinnerte mich, dass Hans Meyer mal von einem Hund erzählt hat, der eine Schleife im Haar hatte und so schlau war, dass er jedes Mal, wenn er Gassi gehen durfte, Hals über Kopf gegen den nächsten Hydranten gerannt ist.
Poldi, so heißt das Herrchen des Pudels, ist Anfang sechzig, gescheiteltes weißes Haar, weißer Rollkragenpullover, darüber ein dunkelblauer Blazer mit silberfarbenen Knöpfen. Poldi unterhielt sich mit Hannes (klick). Besser gesagt: Poldi redete und Hannes hörte zu. Vielleicht tat Hannes auch nur so, als würde er zuhören.
Poldi kommt von Zeit zu Zeit mit seinem Pudel in die Kneipe. Er setzt sich an den Tresen, bestellt Rotwein und blättert in der BILD-Zeitung. Manchmal lädt er die Seviererin zu einem Likör ein und lässt sich von ihr ein Bussi auf die rasierwassergetränkte Backe geben.
Poldi sagt Sätze wie “Seit dem Strauß hat’s keinen vernünftigen Politiker mehr in Deutschland gegeben” oder “Das glaubst du doch wohl selber nicht, dass die Amis auf’m Mond waren. Das waren gestellte Aufnahmen in der Wüste Nevada. Das ist wissenschaftlich bewiesen.”
Poldi kommt mit meiner Art nicht zurecht. Hat mir Hannes mal gesagt. Poldi habe sich bei ihm beschwert, dass ich ihn – wenn ich überhaupt mit ihm rede – immer mit “Häuptling Silberlocke” anspreche. Eine Unverschämtheit sei das. Das müsse er sich nicht gefallen lassen. Hannes solle mir mal sagen, dass ich das in Zukunft zu unterlassen habe.
Kürzlich, um Silvester herum, hatte Poldi am Tresen gesagt: “Endlich ist der Oenning weg. Der kann vielleicht Klavierstücke komponieren, aber eine Bundesligamannschaft trainieren kann der nicht. Mit Hecking hat der Club mit dem Abstieg nichts mehr zu tun. Und außerdem ist ja jetzt der Schäfer wieder im Tor. Dass der Club in den letzten Spielen solche Klatschen gekriegt hat, lag am Torwart. Mit Schäfer im Tor gewinnt der Club in Schalke. Und dann geht’s wieder aufwärts.”
Daraufhin sagte ich zu Hannes: “Wenn Häuptling Silberlocke das sagt, wird’s wohl so sein.”
Daraufhin stand Poldi von seinem Barhocker auf und sagte: “Was bildest du dir eigentlich ein? Wie red’st’n du überhaupt mit mir? So jemand nennt sich Club-Fan. Warum soll der Club in Schalke nicht gewinnen? Mit Schäfer im Tor und den Neuzugängen gewinnt der Club in Schalke. Da bin ich mir absolut sicher. Und sag’ nicht immer Häuptling Silberlocke zu mir!”
“Gwinni haid nedd, gwinni morgn”, sagte ich, “und am Sonntag machma Glees und dann dringma an Schnabbs und dann gehd’s uns richdich guud, soo richdich guud gehd’s uns dann.”
Daraufhin trank Poldi sein Glas leer und sagte zum Wirt, dass er ihm ein Taxi rufen solle, und ich sagte: “Wenn der Club tatsächlich in Schalke gewinnt, zahl’ ich dir eine Flasche Rotwein”, und Poldi sagte: “Das kannst du dir sparen. Von Leuten wie dir nehm’ ich keine Geschenke an.”
“Wenn der Club in Gladbach so spielt wie heute, hat Gladbach keine Chance”, hörte ich Poldi jetzt sagen, “für eine Mannschaft, die gegen Stuttgart so aufspielt, ist Gladbach kein Problem…”
Ich dachte an Bunjakus Schuss in den Nachthimmel ein paar Minuten, bevor Stuttgart das 1:2 erzielte.
“…und danach hauen wir die Bayern weg. Bloß – den Mintal, den sollte der Hecking ausmustern. Den Mintal kannst du mittlerweile auf’n Mond schießen…”
“Dahin, wo die Amerikaner nie waren”, sagte ich.
“…Der bringt’s einfach nicht mehr. Wenn der Hecking statt dem Mintal einen anderen spielen lässt, schafft der Club locker den Klassenerhalt. Vor allem, weil Hannover und Freiburg nicht mehr viel machen werden.”
“Wenn Hannover und Freiburg alle Spiele verlieren”, sagte ich, “reichen dem Club noch vier Punkte zum direkten Klassenerhalt, allerdings nur dann, wenn Hertha nicht…”
“Halt doch du dein Maul”, sagte Poldi, “auf deine Kommentare kann ich verzichten”, und Alfred (klick) sagte: “Doo hodda scho Rechd, da Michael, wenn da Glubb weiterhin so weenich Bungde machd, hulldna die Herdda nuch ai”, und Poldi sagte, “der soll sein Maul halten, ich kann dem sein Geschmarre nicht mehr hören”, und ich spürte ein Ziehen an meinem Bein und sah, dass der Pudel mit allen Vieren an meinem Bein hing, und aus den Boxen klang:
GESTERN FOARI MIT DA TRAMWAY RICHTUNG FAVORIT’N…
Ich machte eine abwehrende Bewegung mit dem Bein und der Pudel wurde immer wilder und fing an, fiepend zu kläffen…
…DRAUSS’N RENGT’S UND DRINNA STINKT’S UND I STEH IN DA MITT’N…
… und Poldi rief: “Komm her, Bilbo, der mag uns nicht”…
…IM WIRTSHAUS TRIFFI IMMER AN, DER WAAS GOTT WAS DERZÖHLT…
…und der Pudel ließ mir von mir ab und Poldi sagte: “Komm, Tina, wir trinken einen Grappa miteinander”, und ich richtete mein verdrehtes Hosenbein und verließ den Tresen…
…ZWICKT’S MI, I MAAN I TRAAM,
DES DEAF NET WOA SEI, WO SAMMA DAHAAM…
…und Alfred rief mir hinterher: “Gehst du scho haam?”, und ich sagte: “Nein, ich geh’ nur mal pinkeln”, und mir fiel ein, dass im Turnunterricht beim Stangenklettern immer einer vor mir oben war, und ich dachte daran, wie Roberto Hilbert den Ball aus spitzem Winkel an Schäfer vorbei ins Tor schob…
…OBER I GLAUB DA HÜLFT KA ZWICK’N,
KENNT MA NET VIELLEICHT IRGENDWER
AANE PICK’N,
DANKE, JETZ IS MA KLOA,
ES IS WOA, ES IS WOA
(klick)…
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